Regale in Reihen, an den Kreuzungen strategisch platzierte Wühltische und Dosenberge. Gegenüber der Wursttheke warb ein Räucherschinkenproduzent mit Kostproben, Käse war zu testen, Säfte, Wellnessprodukte und was nicht gar. Und alles billig, alles super, alles zu haben. Für mich. Wenn ich denn wollte. Wenn ich denn konnte. Wenn ich denn wollen konnte. Oder war es können wollte? Mein inzwischen etwas mitgenommener Verstand ließ die Blicke schweifen und entdeckte aus purem Zufall Miss Libido, die für ihre Selbsthilfegruppe das Thema „Geduld“ trainierte. Und das geschah ausgerechnet am Ende einer Warteschlange von beachtlichen Ausmaßen, die sich vor der einzigen besetzten Kasse langweilte.

Rasch wusste der Verstand mit ein paar vernünftigen Argumenten – gelernt ist schließlich gelernt – zu überzeugen. Schon brach er mit der zu spontanen Ausflügen ohnehin stets gern bereiten Reiterin im A-Kader der Hoffnungsequipe zur Getränkeabteilung auf. Eine kleine Grappaverkostung schien beiden die geeignete Maßnahme zur Überbrückung der ansonsten doch eher unerquicklichen Wartezeit. Kurze Zeit später ulkten sie vor einer weiteren Promotionstheke herum.
„Wenn das so weitergeht“, versuchte der Verstand zu geistreicheln, „promoviere ich glatt noch selbst.“
Mit kokettem Augenaufschlag konterte Miss Libido, „na, besser als Habilitieren. Ich persönlich ziehe ohnehin eher das Déshabillé vor.“

Ich fragte mich nur kurz, woher die doch sonst eher den Triebwagen Steuernde solche Wörter kannte. Sie und der Verstand plauderten vermutlich einfach viel zu viel miteinander, als dass sie sich um die wirklich wichtigen Dinge meines Lebens kümmerten. Je nun. Déshabillé. Das stand ja vermutlich noch nicht einmal im Rechtschreibduden. Geschweige denn, dass ich über einen eleganten Morgenmantel verfügte. Der Verstand ließ sich natürlich nicht lumpen.
„Déshabillé? Auch nicht zu verachten. Gewiss keine Quantité négligeable!“, protzte er mit seinem Fremdwörterlexikon.
„Ein Negligee?“ Es war nicht zu leugnen, meine Libido fuhr vielleicht nicht unbedingt Monorail, aber sie kam mit einem recht schmalspurigen Gleis aus. Da musste ich wohl eingreifen. Hallo? Herrschaften? Wir sind hier bei der Grappaverkostung. Wenn schon Bildungshuberei, dann bitte italienisch, ja? Bisschen Konzentration, wenn’s gefällig ist!

Unter allgemeinem Rundumgeseufze wandte ich mich wieder dem Grappa zu und hörte nur noch mit halbem Ohr, wie die Libido „Prima, gen Italien!“ zwitscherte. Dann widmete sich meine Aufmerksamkeit ganz der höchst wissenschaftlichen Feldforschung. Es galt, die Eignung des Destillats als Breitbandanästhetikum mit Hinblick auf etwaige Nebenwirkungen im Selbstversuch experimentell nachzuweisen. Mit anderen Worten: Prost.
„Salute!“, ließ sich die Promovierende jenseits der Theke vernehmen und lächelte milde.
„Reizend“, raunte Miss Libido noch, als das flüssige Gold bereits meine Kehle hinabrann. Der Magen ließ sich bereitwilligst davon überzeugen, dass es durchaus möglich ist, sich zu etwas Kleinem, Weichem, Wollig-Pelzigem zusammenzurollen und im selben Moment wie halbflüssige Tortenglasur sich ausbreitend alle Unebenheiten des Geländes zu einer sanften Hügellandschaft zu glätten, die das Auge erfreut und das Herz entspannt.

Während ich meinem Thekengegenüber beseligt zulächelte und mich nicht entscheiden konnte, ob ich das Grübchen auf ihrer rechten oder ihrer linken Wange hinreißender finden wollte, vernahm ich wie von ferne ein wohliges Schnurren. Miss Libido. In den sanften Klang mischten sich schon bald die erheblich raueren Töne meines Verstandes, dem es unter der voll aufgedrehten Hormondusche offensichtlich mehr als gut ging und der diesen Fakt durch etwas eingerostete Freudentöne der Welt mitzuteilen überaus bereit war.

„Dann hätten wir hier auch noch etwas ganz Besonderes, heute im Angebot …“ Himmlische Gnade überdeckte mit Verlockungen konsumorientierter Natur die Anstrengungen des Nasszellencarusos. Was für eine Stimme, was für Angebote! Meine Libido schnurrte, als hätte sie ihr ganzes Leben im Hochleistungszentrum für diesen einen Augenblick trainiert. Für Uneingeweihte – wenn sie es denn vernommen hätten – mochte es klingen wie ein mittlerer Asthmaanfall. Doch ich wusste, es war Leidenschaft. Pur. Und der gegenüber war ich hilflos. Selbst wenn der Verstand es sich nicht hätte einfallen lassen, ausgerechnet in diesem Moment einen seiner so hochwillkommenen wie seltenen Badetage zu nehmen.

Kurz und gut, es kam, wie es kommen musste. Ich verließ den Einkaufstempel mit einem Restbudget, das den Küchenplan mittelfristig auf Nudeln mit Nudeln einfror. Dafür allerdings auch mit einem eindrucksvollen Holzkistchen, dessen Inhalt sich der rohen Wissbegierde etwaiger Umstehender nur durch ein leises Glucksen mitzuteilen bereit war. Bei einem konspirativen Treffen im Schatten meiner Leber glichen unterdessen Verstand und Libido ihre Memos ab.
„Hm. Außer Spesen nix gewesen“, grantelte die Bewohnerin meines körpereigenen Südviertels. „Mal wieder typisch, findest du nicht?“
„Ach was.“ Mit nachlässiger Gebärde fuhr sich der Verstand durch sein immer noch etwas feuchtes Haupthaar, das gleich wieder in keckem Schwung auf die Stirn fiel. „Nun maul mal nicht. So ganz ergebnislos war das ja nun nicht gerade.“
„Wenn du meinst. Eine Flasche Edelgrappa aus dem oberen Preissegment, na, das nenne ich nicht gerade erfolgreiches Selbstmarketing. Aber du musstest ja unbedingt Dauerduschen.“
„Nun hör aber auf! Während dir nichts Besseres eingefallen ist als simples Herumschnurren, habe ich mir wenigstens Mühe gegeben. Mich extra dekorativ und anmutig dabei aufgeführt und sogar um Stellen gekümmert, nach denen der Nikolaus nicht fragt, wenn es um das Feststellen des Bravheitfaktors geht. Aber Madame waren ja so entzückt vom reizenden Anblick oder besser, vom eigenen Wonnegefühl, dass dir das Entscheidende natürlich mal wieder entgangen ist.“

Mit leisem Behagen und einer gewissen Restmenge des Flüssiggoldes im Kreislauf stand ich mit meinem Einkauf an der Bushaltestelle und lauschte dem Gezanke in mir, das auch durch den weichen Schleier des genossenen Anästhetikums vernehmbar blieb.
„Was soll mir denn da schon groß entgangen sein?“
Amüsiert kam sogleich die Antwort. „Na, das hier.“
Vor mir hielt ein schwarzer Kombi der Oberklasse. Die Beifahrertüre öffnete sich und ich konnte mich immer noch nicht zwischen den beiden Grübchen entscheiden.

Beim Einsteigen vernahm ich im leisen Glucksen aus dem Holzkistchen die ersten Takte des Hallelujah-Chores aus Händels „Messiah“. Die CD-Sammlung meiner Libido war fast so gut bestückt wie ihre Bibliothek. Und auch der Verstand war es zufrieden. Ich hörte ihn noch „perfekt!“ schnurren. Dann zog er sich in den wohl verdienten Feierabend zurück, nicht ohne mir noch ein nachsichtiges „Nun schnall dich endlich an!“ zuzuraunen.

© 2005, Inge Lütt

Prosa — Liebe