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Bei deinem letzten Besuch waren die Arbeiten vor dem Bahnhof in vollem
Gang. Nun ist der Vorplatz fertig, die Baumaschinen sind längst abgefahren.
Über den frischen Asphalt treibt das Laub, das die Stürme der
letzten Tage von den Bäumen rissen. Die bunten Blätter sammeln
sich in den Pflanzscheiben, die die Teerwalze so sorgfältig ausgespart
hat. Noch sind sie leer — Wer pflanzt schon Bäume im Herbst?
Der Weg vom Bahnhof zu meiner Wohnung ist nicht weit. In einer Viertelstunde
führe der nächste Bus. Die Zeit reicht, um zu Fuss in die Vorstadt
zu gehen. Zwischen Bahngleisen und Friedhof liegt eine Straße, die
nichts von der hektischen Betriebsamkeit der paralell verlaufenden Durchfahrtsroute
hat. Im Antiquitätenladen stehen afrikanische Masken neben staubigen
Ölgemälden, einem zerlegten buntbemalten Bauernbett, dessen
farbige Bretter das Dämmerlicht des Ladens matt wirken lässt.
Als wir diesen Weg das letzte Mal gingen, sahen wir durch das Glas schmiedeeiserne
Leuchter, zwei Meter hoch und weit ausladend geschwungen. Unsere Phantasie
ließ uns feixen beim Weitergehen.
An den Parkplätzen im Schatten der Burg herrscht abendliche Ruhe.
Die Ampel am Autobahnzubringer zeigt dauergelb, zuvorkommend hält
ein Kombi mit Schweizer Kennzeichen am Zebrastreifen.
Die Fußgängerzone ist mit kleinen Steinen gepflastert. Zwei
Touristen mit großen Trolleys kommen am Hotel an, das Qietschen
der Räder verstummt. Ich erinnere mich noch genau an den alten Koffer,
den du bei deinem ersten Besuch mitbrachtest. Auf seinen kleinen Rollen
glitt er ratternd über das Pflaster und drohte ständig umzukippen.
Bei deinem zweiten Besuch verlor er ein Rad, kurz nachdem wir den Dom
passiert hatten. Die Zugschlaufe riss hier ab, am Durchgang hinter dem
Rathaus.
Der Weg führt an zwei Brunnen und zahlreichen Geschäften vorbei.
Auch heute liegt wieder der tiefdunkle ChowChow vor dem Café. Mit
Desinteresse verfolgt sein Blick die Passanten. Auf dem Marktplatz sind
diesmal keine Tische und Stühle aufgestellt. Die Restaurants beschränken
sich bereits auf Innengastronomie, das Wetter ist zu unbeständig
geworden. Die ersten Verkaufsswagen stehen schon in Position, morgen ist
wieder Markttag.
Über die Altstadt klingen die Glocken, die die Abendstunde einläuten.
Eine Gruppe junger Männer kommt lärmend um die Ecke, zieht weiter
zum Party-Event, der mit Live-Musik im umgebauten Hallenbad hinter der
Ill aufwartet. Nur wenige Häuser sind noch abzuschreiten, schnell
ein kurzer Stopp am Hutgeschäft. Doch es gibt nichts, das mich so
lockt wie die Auslage des Stoffgeschäfts, in dem irisierende Fischschuppen
zum Preis von unter 15 Eur pro Meter auf die dämmerige Gasse leuchten.
Vor der Pizzeria stehen zwei Kellner, rauchen und schwatzen mit einem
Bekannten, der sich nachlässig an die Tür seines getunten Wagens
lehnt. Zwei Häuser noch, dann ist das Haus, in dem ich wohne, erreicht.
Der Briefkasten enthält die üblische Mischung von Papiermüll.
Rasch ist das Angebot in die von der Hausverwaltung bereitgestellten Pappkartons
entsorgt.
Ein paar Stufen noch, dann öffnet sich die Wohnungstür in den
engen Flur. Ich drehe den Schlüssel innen im Schloss. Da die Haustüre
seit Jahren so verzogen ist dass man sie kaum noch abschließen kann,
ist mir wohler so. Es wäre mir auch nicht recht, wenn plötzlich
ein Fremder in meiner Wohnung stünde.
An Toilette, Wohnzimmer und Bad vorbei führt der Flur in die Küche.
Dort steht die Tür ins Schlafzimmer offen. Die kleinen Spiegel neben
dem Fenster werfen mir mein Bild vielfach zurück. Der Wind hat mir
die Haare zerzaust. Ich bin blass. Mir ist kühl, obwohl ich gegen
meine Gewohnheit heute morgen die Heizung aufgedreht hatte. Doch mein
Frösteln kommt von innen.
Das Bett ist frisch bezogen, mit dem Tulpenmuster, das dir schon beim
ersten Besuch so gut gefiel. Dort werde ich heute nacht liegen. Allein.
Du wirst mich nicht mehr besuchen. Ich weiß es seit einigen Tagen.
Es wird länger dauern, bis du aus meinem Herzen sein wirst, aus meiner
Wohnung, aus meiner Stadt.
Du wirst mich nicht mehr besuchen. Wozu auch? Du bist ja schon da. Und
du wirst bleiben. Länger, als du es je gewollt hast. Länger,
als du es je wagen wirst.
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