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Eines war sicher. So sicher wie das Amen in der Kirche. Durchstreifte auch nur ein einziger Mann, der nach einem halbwegs intelligenten Gesprächspartner aussah, diesen ICE-Großraumwagen auf der Pirsch nach einem freien Tischplatz, dann käme der einsame Jäger garantiert noch einmal vorbei. Diesmal mit seiner Holden im Schlepptau. Ga-ran-tiert. Dafür würde spätestens am übernächsten Bahnhof ein absolut unerfreuliches Exemplar der menschlichen Gattung das Abteil betreten. Entweder kurz geschoren und mit Bierbüchse, oder mit fettigen Haaren und Bierbauch. Ja. Da war er schon. Ein Querkämmer. Auch das noch.
„So allein, schöne Frau?“
Nein, nicht so allein wie du, Alter. Wie auch. Gut verpackt und doch bestens erreichbar im Gepäck: Der Lebensabschnittserheiterer. Natürlich braucht eine erwachsene Frau keinen Teddybären. Aber braucht sie denn wirklich Gottes boshafte Antwort an die gelangweilte Weiblichkeit im Abteil? Na also. Und trotzdem steigt die zu. Warum also kein Teddybär? Das einzige Problem, das der haben kann, ist ein Schleudertrauma nach der Runde im Schonwaschgang.
Es gibt Menschen, die betrachten Schweigen als Aufforderung, ihren Sprechdurchfall mit gesteigerter Inkontinenz zu pflegen. Und ja, Querkämmer scheinen da eine Information zu viel auf dem entsprechenden Genom verabfolgt bekommen zu haben. Welche Strategie ist nun die richtige? Kopfhörer auf und das Bahnradio auf Durchzug? Schön wäre es, jedoch, leider und allerdings: Der Anschluss hat einen Wackelkontakt, das Hörvergnügen ist ein äußerst begrenztes. Ins Buch vergraben?
„Ja, was lesen Sie denn da Schönes? Scheint ja sehr interessant zu sein?“
Interessanter als du, aber wie sag ich’s diesem Manne? Die Bierbüchsenparty im Büffettwagen schließt einen Rückzug in die Gefilde der kommerzialisierten Gastlichkeit, oder dessen, was die Mitropa dafür hält, aus.
Yaddayaddayaddayadda. Der Mann redet wie ein Wasserfall. Als Ausflugsziel, wenn auch ein aus persönlicher Neigung eher selten angesteuertes, ist ein solcher sicher durchaus ganz angenehm, oder zumindest etwas, vor dem man in staunender Ehrfurcht eine Weile zu verharren bereit ist. Aber ein Naturschauspiel erwartet eher selten irgendeine Form von Reaktion. Er ist froh, einen Sitzplatz zu haben in so angenehmer Begleitung. Huch? Wie ist mir das denn passiert? Er kann nämlich noch nicht lange stehen, so kurz nach der Krampfadernoperation. Nein danke, ich möchte die Narbe nicht sehen. Ganz gewiss nicht. Tennissocken und Sandalen, ich bin schon dankbar, dass er keine kurzen Hosen trägt.
Wie lange redet er schon? Ein mitleidiger Blick von der anderen Gangseite soll mich wohl aufmuntern. Auch kein schöner Mann. Aber eine Frau mit dem gewissen Funkeln im Auge. Und sie sitzt auf einem Platz, der ab dem übernächsten Halt reserviert ist. Nein danke. Bitte keine milden Gaben aus dem Stullenpaket, das deutlich erkennbar schon etliche Stunden unterwegs ist.
„Die hat mir meine Frau gemacht, wissen Sie. Und da will ich sie nicht wieder mitbringen.“
Ja, bin ich denn hier die Resteverwertung? Nun reicht es. Gib mir eine Chance, eine einzige!
„Ich war auf einem Klassentreffen. Und nun fahre ich heim zu meiner Frau.“
Zuweilen werden selbst Stoßgebete aus dem ICE erhört. Da ist sie schon, die Schwachstelle, die die Festung der Wohlanständigkeit in den Grundmauern erschüttern wird. „Wie sich das trifft. Ich war ebenfalls auf einem Klassentreffen. Und meine Frau konnte auch nicht mitkommen.“
Stille. Balsamische, wohltuende, lebenbewahrende Ruhe. Und von gegenüber ein Blick – zuweilen genieße ich das Leben in vollen Zügen.
Zwei Stationen weiter. Den Querkämmer holte seine Frau von der Bahn ab. Die Frau Gemahlin sah eigentlich ganz nett aus. Und erst der Dackel, wie der sich freute! Warum hat der Redselige wohl ganz aus Versehen seine Butterbrotdose beinahe im Zug vergessen? Und warum wohl schien er dann doch nicht so von Grund auf dankbar, dass ich ihn daran erinnerte? Fragen, Fragen, Fragen. Dabei könnte ich mich nun gut auf mein Gegenüber konzentrieren. Noch ist der oder die Platzkartenberechtigte nicht erschienen, aber natürlich, ganz aus reiner Vorsicht: Madame haben sich umgebettet. Und nun können die Blicke auf sehr viel kürzeren Wegen hin und her gehen. Jahaha. Beziehungsweise können eben nicht. Könnten. Madame traut sich auch. Aber ich vergrabe mich in meinem Buch. Ich Feigling. Ich Weichei. Naja, gut, das vielleicht nicht, aber ich gebe zu: Meine Eier haben alle einen Sprung.
„Na, was lesen Sie denn da Schönes? Scheint ja sehr interessant zu sein...“
Meint sie das ernst? Ich wage einen Blick. Ihre Augen funkeln. Sie zitiert. Ich zittere.
Gehen wir Kaffee trinken, auch wenn die Bierbüchsenarmee noch dräut? Aber wer soll es nun vorschlagen? Ob ich ihr etwas aus meinem Stullenpaket anbieten sollte? Lieber nicht. Das Leben ist eine Komödie. Und keine Farce.
Was reden mit ihr, was beginnen, was hoffen, was träumen, waswaswaswaswas? Oder ist es wie immer die falsche Frage? Müsste sie nicht was lauten, sondern wie? Ich hasse es, wenn ich mich nicht erobern lassen kann, sondern selbst mitten in den Weg schmeißen muss und hierhierhier! rufen soll. Ich will nicht. Ich wage nicht. Aber in meiner Hose regt sich was. Leider nur der Vibrationsalarm des Handys. Timing? Lausig. Stil? Null. Lösung: Keine. Das war’s dann wohl. Und am anderen Ende jemand, dem man auf viele freundliche Arten und Weisen bereits nein gesagt hat. Nun wäre der Moment, um zu den unfreundlichen Varianten überzugehen. Der Moment, aber nicht die Situation. Wie schön, dass es Funklöcher gibt. Ich erfinde just eines. Und schon ist das Gespräch beendet.
Umständlich schalte ich das Gerät aus, verstaue es, murmle „weia“. Madame lächelt. Dir, dir Jehova will ich singen. Wir haben ein Gesprächsthema. Gott sei’s getrommelt und gepfiffen. Wir reden. Miteinander. Halleluja! Schlachtet das Mastkalb. Und wenn just keines da ist: Nehmt mich.
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