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Es war einmal ein Rabe, dem waren vom Fuchs schöne Komplimente über seine Stimme gemacht worden. Der Rabe hatte sie sich auch gerne angehört, ihn freute doch sehr, dass ihn jemand in seiner eigenen Überzeugung bestärkte. Dass ihn das Vorsingen einen Käse gekostet hatte, schmerzte ihn nicht sonderlich. Der Fuchs war doch das klügste Tier im Wald, und wenn man das Gutachten eines Experten einholte, war das nie ganz billig. Außerdem war der Käse ohnehin nicht von der besten Sorte gewesen.
Nun wusste der Rabe es also: Seine Gesangskunst gefiel auch Leuten, die etwas davon verstanden. Das war ein schönes Gefühl. Einen neuen Käse hatte er sich rasch besorgt. Den nahm ihm keiner mehr fort. Und zur Feier des Tages war es auch eine besonders gute Sorte. Natürlich war dem Raben bewusst, dass er es in seinem Gesang kaum mit der Lerche oder gar der Nachtigall aufnehmen konnte. Aber wie diese muss ja auch nicht jeder singen können, es gibt recht unterschiedliche Stimmfächer. Der Rabe überlegte, ob er nicht vielleicht sogar Gesangsunterricht nehmen sollte, aber er wusste nicht so recht, bei wem. Die anerkannten Meister hatten genügend Schüler, und ein wenig war es ihm auch peinlich, dass er in seinem Alter noch Unterricht brauchte. Aber da er doch so gerne sang, musste es vielleicht sein.
Der Rabe hatte sich eine Zeitlang auch überlegt, ob er den Fuchs fragen sollte. Schließlich schien der Experte zu sein, und es gab ja viele erfolgreiche Gesangslehrer, die nie selbst eine internationale Karriere gemacht hatten. Aber insgeheim vermutete der Rabe dann doch, dass der Fuchs ihm das mit dem Gesang mehr aus Eigennutz gesagt hatte. Hatte der sich nicht verdächtig schnell mit dem Käse davongemacht? Und er war auch der einzige gewesen, der dem Raben zu dem Thema bisher etwas Positives gesagt hatte. Ein solcher Vorbehalt ist natürlich nicht die beste Grundlage für eine erfolgreiche musikalische Zusammenarbeit, daher schied der Fuchs wohl doch besser aus. Ohnehin kann man ja auch eine Menge lernen, wenn man nur richtig zuhört. Also setzte sich der Rabe einfach in die Nähe, wenn Lerche und Nachtigall ihre Meisterkurse gaben.
So ging der Sommer ins Land und es wurde Herbst. Bevor die Zugvögel abreisten, gab es ein Festival, bei dem sich die besten Sänger in Konzerten präsentierten. Natürlich hatte man auch ein Rahmenprogramm organisiert, denn reine Konzerte konnte man seit dem Frühjahr fast jeden Abend hören, und das Festival zum Saisonende sollte ja etwas ganz besonderes sein. Und nicht alle im Wald interessierten sich ausschließlich für die klassische Gesangskunst der Vögel oder die virtuosen Geigensonaten der Grillen. Also hielt die Eule ein paar Vorträge, die Eichhörnchen zeigten Akrobatik und die Frösche veranstalteten Wettkämpfe im Kunstspringen und im Schwimmen. An letzteren nahmen auch die Fische teil. Ursprünglich hatte sich der Fuchs mit Erzählungen aus seinem Leben am Festivalprogramm beteiligen wollen. Da er allerdings befürchten musste, dass so mancher Waldbewohner wohl eine andere Sicht der Dinge haben würde, ließ er diese Idee dann doch lieber fallen. Aber endlich hatte er einen Einfall, der auf großes Interesse stieß: Am vorletzten Tag des Festivals würde es einen Karaoke-Wettbewerb geben, an dem alle Waldbewohner teilnehmen konnten.
Die Meisterschüler von Lerche und Nachtigall gestalteten das Abschlusskonzert des Festivals, und da sie ihre Stimmen am Vorabend doch lieber schonen wollten, sahen sie von einer Mitwirkung bei diesem Anlass ab. So hatte natürlich jeder die Chance, zu gewinnen. Den Verantwortlichen war sehr wohl bewusst, dass es unter den Waldbewohnern recht unterschiedliche musikalische Interessen gab, und so hatte man zahlreiche Kategorien eingerichtet. Die jeweiligen Gewinner sollten dann am Abend in einem großen Finale gegen einander antreten.
In der Wettbewerbsjury saßen neben dem Bären und einer Hummel auch die Eule und der Präsident des Quaktettvereins der Frösche. Sogar die Lerche und die Nachtigall hatten zugesagt. Den Vorsitz übernahm der Fuchs, der übrigens auch die Teilnehmergebühren kassierte. Trotz des so hochrangig besetzten Richtergremiums nahmen viele Waldbewohner teil, denn die ausgesetzten Preise waren sehr interessant. Und da das Publikum auch mit abstimmen durfte - es gab sogar einen eigenen Preis für den, der die meisten Zuhörer überzeugte -, rechneten sich auch die Chancen aus, die zwar wenig Kunstfertigkeit aber dafür große Familien hatten.
Der Rabe sah sich also einer großen Konkurrenz gegenüber, aber er war guten Mutes. Beim Zuhören hatte er wirklich eine Menge gelernt. Er stand zwar noch am Anfang seiner Sängerlaufbahn, und das Finale würde er sicher nicht gewinnen, aber sein Bestes wollte er auf jeden Fall geben.
Es kam, wie der Rabe es erhofft hatte. Zwar gewann er nicht den Publikumspreis, dafür war seine Familie einfach zu klein, aber zum Finale wurde er zugelassen. Das musste man allerdings auch, schließlich hatte der Rabe sogar zwei Kategorien gewonnen: sowohl die Sparte „Country & Western” als auch den Blueswettbewerb, obwohl es gerade hier viele Teilnehmer gegeben hatte. Den Sieg im Finale trug ein Specht davon, der bereits Sieger beim „Rappen” geworden war. Der Rabe gratulierte dem Specht von Herzen, obwohl der nur wenige Punkte Vorsprung gehabt hatte. Da die beiden auch sonst gut miteinander auskamen, beschlossen sie, eine Band zu gründen. Den Winter über wollten sie schon einmal üben. Und wenn im Frühjahr der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden würde, wollte der Rabe auch aktiv an den Gesangskursen teilnehmen. Sowohl die Lerche als auch die Nachtigall hatten ihn dazu eingeladen.
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