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Es war einmal ein Köhlerpaar, das lebte mit seiner Tochter tief in den Wäldern. Die Eltern hätten es ganz gerne gesehen, wenn das Mädchen, nachdem es mit der Schule fertig geworden war, den Betrieb übernommen hätte. Aber schon bevor die zwei in Rente gingen, war ihnen klar, dass daraus wohl nichts werden würde. Gewiss, Köhler, das war ein ehrenwerter Beruf, das fand auch die Tochter. Sie verspürte jedoch wenig Neigung zu diesem Geschäft. Außerdem hatte sie sich immer nach dem Gebirge gesehnt. Als sie ihren Eltern eröffnete, dass sie auf Wanderschaft gehen wollte, war denen das gar nicht so recht, schließlich, ein Mädchen und allein unterwegs
Die Köhler selbst wollten es auch nach ihrer Pensionierung warm haben und hatten deshalb beschlossen, in den Süden zu ziehen. Sie boten ihrer Tochter natürlich an, sie könne gerne mit ihnen kommen und auch dort bei ihnen wohnen. Aber es sollten nun einmal die Berge sein, und die lagen im Norden. Also musste man wohl von einander scheiden. Die Eltern gaben dem Mädchen selbstverständlich ihre neue Adresse und baten es, aber auch wirklich zu schreiben, damit sie sich nicht allzu große Sorgen machen müssten. Das wurde natürlich versprochen, und als die Eltern schließlich in der Kutsche nach dem Süden saßen, ging die Reise ins Gebirge los.
Bis die Köhlertochter in den Bergen anlangte, war es bereits Herbst geworden. Sie kam an so manchem Bauernhof vorbei, auf dem sie hätte überwintern können, sie wollte jedoch immer noch ein wenig weiter, höher hinauf, so lange das Wetter gut blieb und die Wege noch nicht zugeschneit waren. Aber so ist das nun einmal mit den Herbstreisen ins Gebirge. Plötzlich ist der erste Schnee da, und die Köhlertochter, die vorher noch nie in den Bergen gewesen war, ahnte gar nicht, auf was für eine gefährliche Sache sie sich da einließ. Sie war kilometerweit vom nächsten Haus entfernt, als es ernsthaft zu schneien begann. Wie unerfahren sie war, sieht man schon daran, dass sie nicht irgendwo Schutz suchte, sondern tapfer weitermarschierte, obwohl der Weg bald ganz unter einer weißen Decke verschwand. Das Mädchen hätte sich wohl hoffnungslos verirrt und wäre abgestürzt oder in der Nacht erfroren, wenn der Schneefall nicht für kurze Zeit nachgelassen hätte. So konnte es im letzten Abendlicht eine Höhle ausmachen. Aus der Öffnung kam ein wenig Rauch, und da die Köhlertochter sehr fror, beeilte sie sich um so mehr, dorthin zu gelangen.
Diese Höhle war allerdings eine richtige, echte Drachenhöhle, und das bedeutet natürlich, dass auch ein Drache da war. Wenn Menschen, ganz besonders Mädchen, versteht sich, einem Drachen begegnen, gehen diese Geschichten, wenn sie nicht von Tolkien stammen, normalerweise so weiter, dass die furchterregende Bestie ein im Grunde einsames Geschöpf ist, das sich mit Schachproblemen oder dem Analysieren von Shakespeare-Sonetten beschäftigt und heilfroh ist, endlich jemanden zum Fachsimpeln und Rückenkratzen gefunden zu haben. Ein anständiges Feuer zu spucken, das haben solche Exemplare natürlich in den letzten zweihundert Jahren nicht mehr zustande gebracht. Schließlich sind solche Berichte meist Gutenachtgeschichten, und da das Leben aufregend genug ist, muss nicht unbedingt auch noch die Zoologie zum Anheizen der Spannung herhalten.
Der Drache in dieser Erzählung jedoch — auch wenn es sich hier um eine Gutenachtgeschichte handelt — hätte selbst für eine Jahreshauptversammlung des Drachenjägerverbandes eine recht ordentliche Aufgabe dargestellt. Von der Schnauze bis zur Schwanzspitze maß er fünfzehn Meter. An jedem Fuß hatte er sechs scharfe Krallen, das macht insgesamt achtundvierzig Stück. Zähne waren noch vierundzwanzig mehr vorhanden. Und wenn dieser Drache sich nicht vorsah beim Niesen, stand die halbe Wiese in Flammen. Drachen sind nicht unbedingt für ihre Vorsicht bekannt, sei es nun beim Niesen oder bei anderen Dingen, und so war die Umgebung der Drachenhöhle ziemlich kahl. Das hatte das Mädchen wegen des Schnees natürlich nicht bemerken können.
Mit dem Auszählen von Versen beschäftigte sich dieser Drache ganz gewiss nicht, und Schachspielen hatte er nie gelernt. Am allerliebsten saß er in seiner Schatzhöhle und machte Inventur. Das war mittlerweile jedoch recht schwierig geworden, denn in den Jahrhunderten hatte sich die Höhle so gefüllt, dass er nur unter sehr vielem Drehen und Wenden überhaupt noch hineinkam. Der hintere Bereich war schon seit dreihundert Jahren nicht mehr in Augenschein genommen worden, und so saß der Drache an diesem Abend in seiner Wohnhöhle und überlegte gerade, wo und wie er eine neue Schatzgrotte anlegen wollte, als plötzlich die durchfrorene Köhlertochter vor ihm stand.
Zuerst glaubte der Drache, die Bauern hätten wieder diesen Unfug mit Jungfrauenopfern angefangen. Dabei machte er sich doch gar nichts aus Menschenfleisch, das zwar meistens gut durchwachsen war, ihm aber viel zu fade schmeckte. Also fragte er die Köhlertochter in aller Ruhe, was sie denn so spät noch bei ihm wolle. Sie war zunächst etwas verblüfft, einem Drachen zu begegnen, erinnerte sich jedoch bald wieder daran, was ihre Eltern ihr beigebracht hatten, und entschuldigte sich erst einmal für die Störung. Dann erklärte sie ihm, dass sie sich nur ein wenig aufwärmen wolle, wenn es recht sei. Anschließend würde sie gleich weiterziehen und ihn nicht länger belästigen. Der Drache meinte, das wäre wohl ziemlich übermütig, nachts im Schneetreiben so durch das Gebirge zu spazieren. Er wolle sie ja nicht aufhalten, er wisse nämlich schon lange, dass Menschen sich nicht gerne dreinreden ließen, aber von ihm aus könne sie ruhig ein wenig bleiben. Und wenn sie hungrig wäre, hätte er da hinten in der Höhle einen Rest Hammel, im Thymianmantel gebraten. Das klingt natürlich ziemlich gemütlich, aber bloß weil jemand nichts von Shakespeare versteht, heißt das ja noch lange nicht, dass er auch nichts weiß über die allgemeinen Regeln der Gastfreundschaft.
Die Köhlertochter begriff recht schnell, dass sie im Dunkeln sowieso nichts von der Bergen würde sehen können, der Weitermarsch also durchaus bis zum Morgen Zeit hatte. Einstweilen kamen die zwei ein wenig ins Gespräch, und so erzählte sie dem Drachen, was sie so weit entfernt von ihren heimatlichen Wäldern eigentlich suchte. Er meinte, dass es oberhalb seiner Höhlen nur sehr wenige Bauernhöfe gäbe, und die wären ziemlich arm. Wenn sie also noch keine Bleibe hätte fürs Überwintern, dann sollte sie lieber wieder ins Tal hinabsteigen.
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