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Es war einmal ein König, der hatte hundertdreiundneunzig Schlösser. Das ist natürlich eine ganze Menge, denn wieviele solcher Gebäude braucht ein König eigentlich? Wenn man es recht bedenkt: eines zum Regieren und vielleicht zwei oder drei für Gäste oder für die Ferien, aber ansonsten?
Der König war auch nicht besonders glücklich über die Menge, aber was sollte er machen? Kein einziges Schloss hatte er selber bauen lassen, sie waren alle von seinen Vorgängern. Gewiss, eines war schöner als das andere, aber am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn einmal ein richtiger Sturmwind durch sein Reich gefegt wäre und die ganze Pracht zusammengeblasen oder — noch besser — ganz davongeweht hätte. Das sagte der König jedoch noch nicht einmal seinem Kanzler, schließlich wollte er nicht als Kunstbanause dastehen. Also blieben die Schlösser, wo und wie sie waren, und der König zahlte sogar jedes Jahr recht ordentlich für ihre Instandhaltung. Zum Glück war er sehr reich, und das Geld reute ihn nicht.
Der Reichtum war nicht durch Steuern zusammengekommen, die waren im Land sogar sehr niedrig. Der Urgroßvater unseres Königs, der Großkönig Michael, hatte sein halbes Leben auf der Drachenjagd zugebracht und war dabei durchaus erfolgreich gewesen. Da Drachen bekanntlich Schätze horten, stellte das Finanzielle auch für seine Nachfolger kein Problem mehr dar. Selbst das Schloss des Großkönigs, das mit fünftausend vergoldeten Spiegeln ausgestattet war, hatte daran nichts ändern können.
Unser König wohnte allerdings nicht in diesem Schloss, die vielen Spiegel machten ihn nervös. Er hatte sich jedoch kein eigenes bauen lassen, obwohl sein Kanzler und die Minister meinten, das gehöre schon dazu, damit sich die Leute später noch an ihn erinnerten. Der König hielt nicht viel von der Theorie, dass es nun unbedingt ein Schloss sein müsste. Es gab bereits drei Krankenhäuser, die nach ihm benannt waren, zwanzig Schulen, drei Konzertsäle, ein Kongresszentrum und auch ein Schwimmbad. In dieser Richtung wollte er sich auch gerne weiter betätigen, nur noch ein Schloss, das wollte er partout nicht. Schließlich könne er nicht nur an seinen Nachruhm denken, sagte er immer wieder. Irgendwann müssten Könige auch einmal Rücksicht auf ihre Nachfolger nehmen, und ob irgend etwas dagegen spräche, dass er damit anfinge? Also blieb es dabei, und der König wohnte weiterhin im Schloss seines Vaters. Dessen Vorliebe für Marmorbüsten und Statuen teilte er zwar nicht, aber so waren wenigsten genügend Hut- und Kleiderständer im Haus.
Natürlich verbrachte der König nicht den ganzen Tag mit Regieren, dafür gab es ja schließlich den Kanzler und die Minister, die nahmen ihm viel Arbeit ab. Wie die meisten seiner Vorgänger hatte auch dieser König ein Hobby. Er ging zwar nicht auf die Drachenjagd (sein Großvater hatte die wenigen Exemplare, die dem Großkönig Michael entkommen waren, in das internationale Artenschutzabkommen aufnehmen lassen), aber er verwandte viel Zeit auf das, was ihm erheblich mehr Freude machte als das Regieren. Der König spielte sehr gerne Waldhorn und hatte es dabei schon zu einer beachtlichen Meisterschaft gebracht. Er konnte sich der Musik nur leider nicht in dem Maße widmen, wie es ihm lieb gewesen wäre. Das Problem waren nicht die Regierungsgeschäfte, da hatte er spätestens um fünf Uhr Feierabend, außer am Donnerstag, wo es auch schon einmal spät werden konnte. Was ihn wirklich vom Üben abhielt, waren die vielen königlichen Besucher, die von seinen wunderbaren Schlössern gehört hatten und sie gerne auch einmal sehen wollten. Einem König auf Staatsbesuch konnte er schließlich nicht gut sagen, dass er jetzt Feierabend hätte und lieber Waldhorn üben wollte.
Im Grunde waren ihm seine kunstbeflissenen Kollegen doch etwas unangenehm. Er wusste zwar recht gut Bescheid über die einzelnen Schlösser, aber so richtig kannte er höchstens zehn. Um sie alle genau kennenzulernen, hätte er jeweils mehrere Monate in ihnen wohnen müssen. Das wäre ihm schon recht gewesen, schließlich musste er seine Koffer nicht selber packen. Hauptsache, es gab ein Zimmer, in dem er üben konnte. Aber selbst, wenn er nur vier Wochen pro Schloss rechnete, würde es doch fast fünfzehn Jahre dauern, bis er alle durch hätte. Und ob er sich dabei alles merken konnte und nicht irgendwann wieder von vorne anfangen musste, das war so eine Frage. Außerdem wäre das ständige Umziehen mit Sicherheit nichts für die Nerven seines Kanzlers.
Der König hatte sich schon überlegt, Leute einzustellen, die sich nur mit dem Kennenlernen der Schlösser beschäftigen sollten. Wenn sie gut Bescheid wussten, sollten dann eben sie den Besuchern alles erklären. Dann könnte man vielleicht auch die Schlösser für nichtkönigliche Besucher öffnen und richtige Führungen veranstalten. Aber wen sollte er für diese Arbeit nehmen? Die Kastellane mussten sich schon von Berufs wegen in den jeweiligen Schlössern auskennen, aber sie hatten wirklich genug damit zu tun, alles in Ordnung zu halten, da konnte man sie nicht ständig mit Fragen unterbrechen. Die Lehrer waren es gewohnt, Erklärungen abzugeben, aber sie hatten nur in den Schulferien Zeit, und dann wollten die meisten von ihnen selbst auf Besichtigung gehen. Ohnehin bekam der König meist während der Schulzeit Besuch, und dann wäre es wieder nichts mit dem Waldhornüben.
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