|
Es war einmal ein Kräuterweiblein, das wohnte mit seiner Nichte in einem Häuschen am Waldrand. Die Tante war schon sehr alt, und eigentlich war das Mädchen ihre Großnichte, aber für diese Geschichte ist das nicht weiter wichtig. Die beiden hatten ein recht gutes Auskommen, denn in der Stadt gab es viele berühmte Köche, die miteinander wetteiferten. Es lag also nicht am Geld, dass das Haus so klein ausgefallen war. Es traf sich lediglich, dass weder Tante noch Nichte übermäßiges Vergnügen an der Hausarbeit empfanden, und beide sahen es auch ganz und gar nicht ein, sich in dieser Richtung mehr Pflichten aufzubürden, als für Sauberkeit und Gemütlichkeit unbedingt notwendig waren. Die Kräuter wurden auf dem Dachboden getrocknet, und von den Deckenbalken hing auch so einiges, so dass es immer recht appetitanregend roch. Da war es ganz gut, dass im Hause eher vorsichtig mit scharfen Putzmitteln hantiert wurde.
Selbstverständlich soll das nicht heißen, dass Tante und Nichte das Haus vernachlässigten. Schließlich kamen viele Kunden direkt zu ihnen, und im Anschluss an die königlichen Jagden schaute sogar der Kronprinz vorbei. Das Nötige wurde also getan, aber das Haus war eben für die beiden Frauen da, und nicht umgekehrt.
Die Besuche des Kronprinzen hatten in den letzten Jahren eher zugenommen, und so waren in der Stadt natürlich etliche Gerüchte im Umlauf. Es hieß, dass es dem Prinzen weniger um Kräutermischungen als um die Nichte ging, aber das stimmte nun ganz und gar nicht, jedenfalls nicht so, wie die Leute redeten.
Der Kronprinz saß sehr gerne mit seinen beiden Gastgeberinnen zusammen, und sein Jagdmeister machte die Runde komplett. Zu viert um einen Tisch herum kann man gewiss vieles beginnen, aber bei jedem Besuch des Prinzen geschah doch stets dasselbe.
Vor etlichen Jahren hatte die Tante einmal ein Märchen erzählt, das allen gut gefallen hatte. Nur der Schluss war nicht so ganz der gewesen, auf den die Geschichte zugesteuert hatte. Also waren die vier darangegangen, sich ein neues Ende auszudenken. Zuerst konnten sie sich nicht so recht einigen, es war ihnen einfach zu viel eingefallen, aber das trug eigentlich nur zum Vergnügen bei. Irgendwann bekamen die vier die Geschichte fertig, und da ihnen die Sache so viel Spaß bereitet hatte, saßen sie immer wieder gern zusammen.
Zwischen den Treffen dachte sich jeder eine Fortsetzung aus, die vier Enden wurden dann vor dem Abendessen erzählt. Manchmal entstand schon während der Suppe noch eine fünfte Fassung, an der alle gemeinsam arbeiteten. Anschließend ging es darum, die neue Geschichte zu beginnen. Die Nichte hatte eine besonders schöne Handschrift, sie bekam die verschiedenen Versionen, um sie mit dem gemeinsamen Ende zusammen aufzuschreiben. Zwei dicke Bücher standen schon im Regal, und im dritten waren nur noch ein paar Seiten leer.
Also, wie gesagt, an den Gerüchten um die Besuche des Kronprinzen im Kräuterhäuschen war nichts dran. Trotzdem verstummte das Gerede natürlich nicht. Tante und Nichte machte das wenig, dem Geschäft schadete es nämlich ganz und gar nicht. Ansonsten lebten sie allein und scherten sich nicht um die Leute.
hier geht es weiter
|