|
Es war einmal eine Geige, die wohnte in einem Museum. Sie war kein wirklich kostbares Exemplar, keine Stradivari und auch keine Amati. Eigentlich war sie gar nichts Besonderes, aber genau deswegen war sie dort, wo sie war. Das Museum war nämlich ein Instrumentenmuseum, und es wurde von vielen Kindern besichtigt. An jedem Wandertag kamen Schulklassen, um sich die verschiedenen Ausstellungsstücke zeigen zu lassen. Die Kinder durften die Instrumente auch in die Hand nehmen und versuchen, sie zu spielen.
Selbstverständlich gab man ihnen nicht die kostbaren alten Meisterstücke, für diesen Zweck hatte der Museumsdirektor einen speziellen Raum eingerichtet. Dort wohnte auch die Geige. Es machte ihr durchaus Freude, wenn sie den Kindern in den Arm gelegt wurde, aber die Pauke hatte schon recht, wenn sie sagte: „Ja, du—, mit dir gehen sie auch ganz anders um als mit mir. Bei mir gehts doch nur darum, wer den meisten Krach machen kann, und ob es einer schafft, mir das Fell zu ruinieren. Aber bei dir? Da achtet schon der Aufseher darauf, dass sie mit dir keinen Unfug anstellen. Und wenn ein Kind schon etwas Geigenunterricht gehabt hat, dann kannst du singen nach Herzenslust.”
Natürlich sahen sich nicht nur die Kinder das Museum an. Es gab auch Konzerte, die immer sehr gut besucht waren. Berühmte Künstler kamen und nahmen die Stradivaris oder die silbernen und goldenen Trompeten aus den Glaskästen, in denen diese normalerweise vor sich hin dösten. Der Museumsdirektor hatte das extra so arrangiert. Zwar versuchten die Herren von der Versicherungsgesellschaft immer wieder, es ihm auszureden; er wusste jedoch genau, Instrumente, die nicht mehr singen dürfen, werden in ihren Glaskästen bald krank und verlieren schließlich ganz ihre Stimme.
Alle zwei Jahre gab es eine Festwoche mit Kursen im Instrumentenbau, Vorträgen, Unterrichtsstunden für Anfänger und Fortgeschrittene und natürlich vielen Konzerten. Die Abteilung für die Kinder lag neben dem Konzertsaal, und so konnten die Instrumente oft die Stimmen ihrer berühmten Kolleginnen und Kollegen hören. Nach den Konzerten summte die Geige dann manchmal nachts ganz leise im Schlaf; die anderen Instrumente hörten die Töne in ihren Träumen, daher liebten sie die Konzerte auch. Natürlich waren solche Abende für sie immer sehr aufregend, denn die Musik hielt sie in ihren Glaskästen doch viel länger wach, als sie es von den normalen Öffnungszeiten des Museums her gewohnt waren. Die alte Pauke sprach jedoch für alle, wenn sie sagte: „Aufregend hin, spät einschlafen her. Nach Konzerten schlafe ich immer besonders gut. Und wunderschöne Träume habe ich auch.”
Dem Nachtwächter hätte die summende Geige schon auffallen müssen, aber er war schon etwas älter und hatte ein bisschen Probleme mit den Ohren. Deswegen hatte er auch einen Hund. Der hörte die Geige oft, aber da er ihre Stimme sehr schön fand, verriet er sie nicht. Obwohl auch er gut singen konnte, sang er jedoch nie mit, denn er hatte Angst, die zarten Traumtöne zu überdecken und die anderen Instrumente zu wecken. Und das hätte einen Radau gegeben, den selbst der Nachtwächter gehört hätte.
So gingen die Jahre ins Land, und die Geige sah wegen der vielen Kinderhände schon ein wenig schäbig aus. Eigentlich sollte längst ein neues Instrument, dessen Lack noch glänzte, den Kindern in den Arm gelegt werden. Aber diese Geige mochte nicht so gerne mit den Kindern zu tun haben. Nein, hochmütig war sie gar nicht, und sie machte auch nie viel Aufhebens von ihrer Urahnin, der Guarneri; die Wahrheit ist, sie hatte Angst vor den Kindern. Wer Angst hat, kann natürlich nicht singen, und so griffen Kinder, die schon einmal im Museum gewesen waren, lieber gleich zur alten Geige.
Beide Geigen waren es zufrieden, die neue schlief ohnehin viel lieber in ihrem Glaskasten. Es wäre wohl immer so weiter gegangen, wenn nicht eines Tages ein ganz besonderes Konzert vorbereitet worden wäre.
hier geht es weiter
|