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Es war einmal ein Ritter, der wohnte in einer Burg, die sein Urgroßvater hatte bauen lassen. Besonders bequem war sie nicht, dafür gab es viel zu viele Treppen, und es zog auch ziemlich kräftig. Dem Ritter machte das jedoch nichts aus. Er musste so oft über Land reiten und Frieden stiften oder Drachen verscheuchen, dass ihm die Knie schon ein wenig steif wurden. Da war es ihm ganz recht, daheim die vielen Stufen zu nehmen. Etwas Übung konnte ganz und gar nicht schaden, schließlich ging er beim Minnesingen vor den Hoffräulein in die Knie, wie hätte es da gewirkt, wenn die Gelenke dabei knirschten? Und dass es zog, störte ihn nicht. Von seinem letzten Kreuzzug her war der Ritter abgehärtet, und schöne Pullover hatte er auch mitgebracht.
Wenn er sich hätte verheiraten wollen, hätte der Ritter wohl einiges an seiner Burg ändern müssen, größere und dichter schließende Fenster auf jeden Fall, ein paar freundliche Farben und so weiter; da er jedoch den Hoffräulein gegenüber keinerlei Absichten hegte, blieb alles beim Alten. Ihm gefiel seine Burg, gerade, weil sie so altmodisch war. Und auf diese steile Bergspitze hätte auch gar kein modernes Schloss in französischer Manier gepasst.
Dass sich wenige Besucher zu ihm verirrten, war dem Ritter gerade recht. Für das Komponieren seiner Minnelieder brauchte er Ruhe, und wenn es ihm nach Gesellschaft war, ritt er eben ins Tal. Den Dienern waren die vielen Stufen nicht so angenehm, aber es ist nun einmal ein großer Unterschied, ob man Treppen steigen will oder muss. Da der Ritter jedoch sehr gute Löhne zahlte, fand man sich mit den Stufen eben ab. Es gab allerdings noch etwas, über das Diener und Ritter nicht der gleichen Ansicht waren: Gespenster. In der Burg spukte es überhaupt nicht, was den Dienern nur recht war; der Ritter fand jedoch, dass zu einer echten Burg auch zumindest ein Gespenst gehörte. Früher hatte ihn auch hin und wieder ein Schatten besucht, der sich schließlich als eine Ahnfrau mütterlicherseits vorstellte, aber seit einer königlichen Herbstjagd vor einigen Jahren, bei der der ganze Hof einschließlich des Bischofs auf der Burg übernachtet hatte, war die Ahnfrau kein einziges Mal mehr über den Söller spaziert.
Auf seinen Reisen waren dem Ritter selbstverständlich auch reichlich üble Spukgestalten begegnet, und Mitbewohner von dieser Sorte wollte er natürlich lieber auch nicht. Aber er war schon ein wenig älter und hatte die Dinge ganz gern, wie sie sich gehörten. Und ohne wenigstens ein Gespenst war eine Burg für ihn nicht komplett. Außerdem ritt er immer seltener aus, und auf seinem Berg war es doch ein wenig einsam.
Vor lauter Langeweile begann der Ritter, der keine Lust hatte, ständig nur Noten zu schreiben, sich um Haushaltsdinge zu kümmern. Das machte ihm so viel Spaß, dass er keinen neuen Diener mehr einstellte, wenn ein alter in Rente ging. Mit der Zeit wurde das Personal also immer weniger, aber da der Ritter keine übertriebenen Ansprüche stellte und er auch keine Jagdgesellschaften mehr gab, ging es ganz gut. Hin und wieder besuchte er auch noch den Hof und unterhielt sich mit dem König, der einer seiner alten Freunde war.
Ansonsten blieb der Ritter daheim, wenn er sich nicht um den Haushalt kümmerte, arbeitete er an einer Gesamtausgabe seiner Werke.
Kurz vor dem sechzigsten Krönungsjubiläum des Königs wurde er damit fertig, gerade noch rechtzeitig, dass die Studenten der königlichen Musikakademie die Lieblingsstücke seiner Majestät einstudieren konnten. Damit das Ganze auch eine Überraschung blieb, wurde auf der Burg des Ritters geübt. Die Akademie war nämlich in einem Flügel des königlichen Schlosses untergebracht, und der König, der die Musik sehr liebte, pflegte ab und an vorbeizuschauen.
Die Burg erwies sich als ideales Übequartier, keine Nachbarn weit und breit, und ohnehin so dicke Mauern, dass man selbst von Fanfarenetüden nebenan kaum noch etwas hörte. Die zugigen Räume waren natürlich nicht angenehm, besonders für die Streicher, die häufig nachstimmen mussten, und auch die Sänger waren nicht glücklich. Aber in welcher Kirche oder welchem Schloss zog es nicht? Da war es nur richtig, unter realistischen Bedingungen zu proben.
Als der Ritter spürte, dass es wohl an der Zeit wäre, sein Testament zu machen, bestimmte er, dass die Akademie ihn beerben sollte. Die Musiker, für die der Schlossflügel längst viel zu klein war, zogen nach der Beerdigung sehr gerne ein. Die vielen Treppen machten auch ihnen nichts aus, schließlich waren die täglichen Atemübungen sogar recht nützlich. Es zog zwar auch nach einigen baulichen Veränderungen, die ebenfalls vom Erbe bezahlt werden konnten, immer noch ein wenig, aber so konnte wenigstens der Professor für Harmonielehre nichts dagegen sagen, wenn in seinen Vorlesungen gestrickt wurde. Und die Erzählungen, dass nach besonders schönen Konzerten ein Schatten auf dem Söller spazierenging, die musste man ja nicht unbedingt glauben.
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