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Es war einmal ein Zwerg, der las am liebsten in seinem Buch. Das war aber auch ein ganz besonderes Exemplar, so groß, dass der Zwerg es gerade noch bequem halten konnte, und so dick, dass wirklich alles darinstand. Nur einen einzigen Nachteil hatte es: Man konnte nicht nach Herzenslust darin herumblättern, das Buch war und blieb auf Seite dreiundsiebzig aufgeschlagen. Das machte jedoch nicht viel, wenn der Zwerg etwas wissen wollte, dachte er einfach fest an seine Frage, und schon erschien die Antwort vor seinen Augen. Die übrigen Zwerge konnten nur die leeren Seiten sehen, aber sie waren es ganz zufrieden. Schließlich konnten sie ja den Buchbesitzer fragen, der erklärte ihnen gerne, was sie wissen wollten.
Jeder Zwerg hatte sein Spezialgebiet. Niemand konnte so gut angeln wie Peter Zwerg, und den Zwillingen Hans und Franz Zwerg machte das Holzsägen so leicht keiner nach. Klaus und Karl Zwerg wurden sogar vom Maulwurf um ihre Grabkünste beneidet, und Florian Zwerg war der beste Nachtwächter weit und breit. Selbst die Igel vertrauten in Wolkennächten seiner Laterne. Wie schon der Name erkennen lässt, gehörten die Zwerge zu einer großen Familie. Sie sahen einander auch ziemlich ähnlich, und da sie am liebsten rote Zipfelmützen trugen, konnte man sie in der Dämmerung nur schwer auseinanderhalten. Die einzige Ausnahme machte da Großvater Zwerg. Sein Bart war zwar nur ein kleines bisschen länger als die Bärte der anderen, aber der Großvater ließ sich nie ohne seine Pfeife im Mund sehen, und da er eine ziemlich kräftige Waldmeister-Huflattich-Mischung bevorzugte, erkannte man ihn selbst bei Neumond schon von weitem.
Es gab auch ein kleines Orchester, das von Herbert Zwerg geleitet wurde. Die Besetzung war vielleicht ein wenig ungewöhnlich, mit Akkordeon, Geige, Cello, Trompete, Mundharmonika und Triangel aber zu den Konzerten kamen selbst die Elfen und ein paar Feen. Und wer die einmal tanzen gesehen hat, weiß, dass sie viel von Musik verstehen und durchaus anspruchsvoll sind.
Dort, wo die Zwerge lebten, wohnte auch ein Riesenpaar. Die beiden waren recht friedfertig, am liebsten saßen sie auf einer Bank, die im Schatten des Apfelbaumes stand. Der Riesenmann hatte die Bank selbst gezimmert, und sogar Josef Zwerg, der Zimmermann, fand, dass sie für ihre ungeheuren Ausmaße eine sehr saubere Arbeit war. Von Zeit zu Zeit halfen die Riesen auch Hyazinth Zwerg, dem Gärtner, bei seiner Arbeit. Im Herbst pflückten sie so viele Äpfel, wie sie nur konnten, damit die Zwerge nicht durch Fallobst gefährdet wurden. Zu den Konzerten von Herbert Zwerg und seinem Orchester oder den Vorleseabenden, an denen Johann Zwerg alle nur erdenklichen Fragen beantwortete, kamen die Riesen jedoch nicht. Sie wussten gar nicht, dass es solche Veranstaltungen überhaupt gab, denn Zwerge müssen sich schon sehr lautstark aufführen, bevor Riesen, deren Ohren ja viele Zwergenlängen über dem Gras sind, überhaupt etwas mitbekommen. Und ganz abgesehen davon, die beiden hörten ohnehin nicht besonders gut. Sie waren allerdings auch schon sehr alt, selbst Großvater Zwerg konnte nicht sagen, ob die Riesen jemals jung gewesen waren.
So gingen die Jahre ins Land, und den Riesen fiel es immer schwerer, die Zwerge vor dem Fallobst zu schützen. An einem stürmischen Herbstnachmittag geschah es dann. Ein Apfel verfehlte Großvater Zwerg nur um Haaresbreite. Er kam zwar mit dem Schrecken davon, aber seine Pfeife war nicht mehr. Der Riese besah sich den Schaden, und um den Großvater zu trösten, brachte er eine neue Tonpfeife. Die war übriggeblieben, als seine Frau im letzten Jahr für ihre Enkelkinder Weckmänner mit richtigen Pfeifen zu Sankt Martin gebacken hatte. Zwar war für Großvater Zwerg das Pfeifchen immer noch so groß wie eine holländische Kaufmannspfeife, aber da es gut zog und der Riese auch gleich eine Probe von seinem eigenen Tabak gestopft hatte, war der Zwerg es ganz zufrieden. Ganz im Stillen hatte er sich auch immer schon eine armlange Tonpfeife gewünscht.
Am nächsten Sonntagnachmittag saßen die Riesen wieder auf ihrer Bank und unterhielten sich. Riesen haben für Zwergenohren ziemlich polternde Stimmen, und eigentlich belauscht man fremde Gespräche ja nicht, aber obwohl die Zwerge im Grunde sehr höflich waren, hörten sie doch zu, denn die Riesen sprachen über ihre Zukunftspläne. Die beiden wollten in die große Stadt ziehen, denn hier draußen war es doch ziemlich einsam, und wenn es ihnen einmal schlecht gehen sollte, würden sie so schnell wohl keine Hilfe bekommen. Selbstverständlich würde sich ihr Leben sehr ändern, aber in der Stadt gab es einen berühmten Park, dort konnten sie immer noch im Grünen sitzen. Das Land um den Apfelbaum herum, das sie ihren Garten nannten, wollte ihnen schon seit langem eine Baugesellschaft abkaufen.
Natürlich überlegten die Zwerge, was aus ihnen werden sollte, wenn die Riesen sie nicht mehr vor der Apfelgefahr beschützten. Sie dachten so lange nach, dass Florian Zwerg, der seinem Neffen Johann das Buch beleuchtete, schon dreimal ein neues Glühwürmchen in seine Laterne hatte setzen müssen. Auf der Seite dreiundsiebzig erschien jedoch immer nur Abwarten! oder Es wird sich alles finden, Geduld!
Die Riesen hatten die Zwerge allerdings nicht vergessen. Bevor sie endgültig in die Stadt zogen, sprachen sie mit dem Förster. Der hatte noch nie einen Vorschlag gehört wie den, der ihm nun gemacht wurde. Er mochte die beiden alten Leute jedoch sehr gerne, und er würde auch ihren Garten vermissen. Also erlaubte er ihnen, die Zwerge in den Wald zu bringen, zu einer Wiese, die so versteckt lag, dass sich wohl nie ein Spaziergänger dorthin verirrte. Er bot sich sogar an, weil er doch jünger und kräftiger wäre, die Zwerge selbst in seinem Rucksack an ihren neuen Wohnort zu bringen. Aber die beiden Alten meinten, dass das wohl ihre Pflicht und Schuldigkeit sei, für eine Ersatzwohnung zu sorgen und auch den Umzug zu organisieren. Sie hatten einen großen Korb, mit dem sie sonst Pilze oder Beeren sammeln gingen, den wollten sie nehmen, damit die Zwerge die Gegend besichtigen könnten und von der Reise auch etwas hätten.
Am nächsten Sonntag ging es los. Es war gut, dass der Förster den beiden den Weg genau beschrieben hatte, sonst hätten sie die Wiese wohl niemals gefunden. Sie brachten die Zwerge also zu ihrer neuen Wohnung, wobei sie sorgfältig darauf achteten, nicht zu sehr mit dem Korb, den sie gemeinsam trugen, zu schaukeln. Dann verabschiedeten sie sich. Natürlich wurde die Großvaterpfeife noch einmal gestopft, und der Riesenmann ließ sogar ein Päckchen Tabak zurück, das wohl für ein ganzes Jahr reichen mochte. Dann waren die Zwerge allein. Sie blieben es allerdings nicht für lange. Die Elfen und Feen waren entzückt, dass sie nun nicht mehr den weiten Weg zum Riesengarten machen mussten. Der Förster hatte nämlich, ohne dass er es wusste, den Tanzplatz der Feen empfohlen. Die Zwerge wurden rasch in der neuen Nachbarschaft aufgenommen, so gute Handwerker und Künstler kamen aber auch selten in den Wald. Die Elfenkönigin ernannteJohann Zwerg sogar zum Geheimen Rat der Elfenkrone, und als Herbert Zwerg für seine Verdienste um die Musik vom Feenkönig in den Adelsstand erhoben wurde, machte es auch ihm ganz und gar nichts mehr aus, eigentlich ein Gartenzwerg aus Ton zu sein.
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