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Immer wieder gern erzählt meine Mutter von ihren Aufenthalten im Krankenhaus.
Das hat nichts Morbides, an sich, es geht nicht um Krankheiten, Operationen, nicht um Schmerzen oder Leid.
Ihr Thema ist der schiere Genuss.
Sie erzählt, dass die damals im Krankenhaus tätigen Nonnen zusammenliefen, um ihr beim Essen zuzuschauen.
Nicht wegen der Mengen, die sie verdrücken konnte.
Das war wohl nie viel, schaut man ihrer schlanken Figur ins Profil.
Nein, die frommen Frauen hatten ihre Freude daran, wie meine Mutter zu genießen verstand.
So etwas hat auch heute noch Seltenheitswert.
Und wie mein Vater schaue auch ich meiner Mutter gerne beim Essen zu.
Da ist nichts Gieriges in ihrem Gesicht, keine Hast in ihren Bewegungen.
Sie genießt Bissen um Bissen, was auch immer sie zum Mund führt.
Es ist eine reine Freude, ihr beim Essen zuzusehen.
Nicht nur für Nonnen, die sich um des Herren Willen so manchem Irdischen entsagt haben.
Meine Mutter ist eine gute Köchin, auch wenn sie kaum noch Gelegenheit dazu hat, ihre Kunst wirklich unter Beweis zu stellen.
Und selten nur ist sie geduldig mit sich selbst.
Sie ist die Erste, die feststellt, dass das Fleisch nicht ganz so zart ist, wie erhofft, dass die Kartoffeln zu lange, das Gemüse zu viel oder die Salatsauce zuwenig
Das meiste, das sie bemerkt, fällt erst auf, wenn sie darüber spricht.
Sie ist ihre erste Kritikerin, ihre schärfste und meist auch ihre einzige.
Gewiss, sie weiß zu gut, was sie eigentlich wollte, welcher Geschmack, welche Konsistenz ihr vorschwebten.
Aber was soll sie machen, da wir uns, wenn sie ruft, erst nach und nach einfinden, sie nie weiß, ob wir in einer Minute am Tisch sitzen werden oder erst in zehn?
Stand sie nicht selbst in der Küche, hat sie im Restaurant sorgfältig und mit Vorfreude aus der Karte gewählt, verstummt ihre Kritik.
Die Momente sind rar, dass sie Missfallen äußert oder gar den Kellner darüber informiert.
Vielleicht wird sie das gleiche Gericht nicht noch einmal wählen, eventuell wird sie sogar das Restaurant eine Weile meiden.
Aber sich dafür selbst in den Mittelpunkt stellen?
Das ist nicht die Art meiner Mutter.
Ihre Gesundheit erfordert, dass sich meine Mutter sorgfältig ernährt.
Vieles von dem, das sie früher genießen konnte, muss sie nun meiden.
Aber auch heute noch ist es eine Freude, ihr beim Essen zuzuschauen.
Ein zufriedener Mensch, der seine Mahlzeit nicht attackiert, der nicht Rosinen vom Teller pickt, sondern sich freut an dem, was er hat, ist selten.
Auch heute. Besonders heute.
Meine Mutter hat ihren Kindern vieles vererbt noch vor der Zeit.
Es ist schade, dass diese Fähigkeit zur Freude auch am Einfachsten, am schlichtesten Genuss nur begrenzt dazu zu gehören scheint.
Ihr ältester Sohn wurde — aus welchen Gründen auch immer — zum strikten Vegetarier und versagt sich so einen großen Teil der Tafelfreuden.
Über ihre erste Tochter sagte sie selbst einmal: „Sie kaut wie auf Dornen.”
Was sich in der Kindheit bereits zeigte, hat sich bei der Erwachsenen mit eigenen Kindern verstärkt.
Essen ist eine Pflichtübung, und wer genügt schon mit Freuden der Pflicht?
Ihre beiden Söhne, meine Neffen, müssen oft genug alleine essen, weil die Eltern arbeiten.
Ihnen bei Tisch zuzuschauen, ist wahrlich kein Genuss.
Ich, die jüngere Tochter, zeige die Folgen meiner Fressattacken nur allzu deutlich.
Und der jüngste Sohn hat sich lange in der Kantine ernährt.
Hastig, wenig elegant, Zeit ist Geld, bewegt er das Besteck.
Dass sein Teller als einer der letzten leer ist, liegt daran, dass er gleichzeitig mindestens eines seiner eigenen vier Kinder zum Essen ermahnt, ein anderes tröstet, einem dritten die Bissen mundgerecht schneidet und mit dem vierten spricht.
Vier Kinder hat meine Mutter, und nur von mir wird zuweilen gesagt, dass ich zu genießen verstehe.
Aber ich war in einer guten Schule.
Wenn meine Mutter im Krankenhaus war, liefen die Nönnchen zusammen, um ihr beim Essen zuzuschauen.
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