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Meine Mutter hat vier Kinder geboren.
Aber wenn sich ein Gespräch auf das Tema Sex einnordet, wird sie eigentümlich still.
Mit meinem Vater tauscht sie Blicke, ein beredtes Schweigen, das widerhallt von ebenso herzlichem wie wissendem Lachen.
Es ist Lachen. Kein Gelächter. Da bin ich mir sicher. Aber darüber reden? Das hat Mama nie nötig gehabt.
Gewiss, als wir, ihre vier Kinder, nach und nach „soweit waren”, nach der Unterrichtung mit Hilfe eines Aufklärungsbuches, das wir Kapitel für Kapitel lesen durften, lesen sollten, während wir — seltenes Privileg — in ihrem Bett lagen, aus dem wir erst wieder aufstehen mussten, wenn sicher war, dass wir keine Fragen zum Gelesenen mehr hatten, nach erstem unbeholfenen Gerangel in der Raucherecke des Pausenhofs oder in der gnädigen Dunkelheit der Schülerdisko, als wir uns — die einen früher, die anderen weniger — „daran” machten, ließ sie keinen Zweifel zu:
Nein, nicht unter ihrem Dach. „Das” nicht. Jedenfalls wir nicht.
Ob wir unseren Aktivitäten an anderen Orten nachgingen, fragte sie nicht.
Noch heute mag sie es nicht dulden, dass unverheiratete Paare, welcher geschlechtlichen Gruppierung auch immer, in ihrem Hause Dinge tun, die sie nicht wünscht.
Warum sollte sie auch? Es ist ihr Haus. Und es ist kein Hotel.
Mama mag keinen Sex. Jedenfalls möchte sie nichts darüber hören oder im Fernsehen betrachten.
Und sie möchte auch nichts darüber lesen.
Angesichts der Blicke, die sie mit meinem Vater tauscht, angesichts des Lächelns, das ihre Lippen umspielt und das sie mit geschicktem Themenwechsel zu verbergen sucht, fällt es mir schwer zu glauben, dass ihr die Sache an sich unangenehm war, ihr der Mutter von vier Kindern, denen sie irgendwann einmal ganz nebenbei gestand, dass der Altersabstand durchaus auch hätte geringer ausfallen können.
Aber leicht macht sie es mir nicht mit ihrem Missbehagen.
Was gibt man einer Frau, der man so gerne etwas schenken möchte, die gerne liest, deren wacher Geist den Alltag als notwendiges Übel betrachtet, das trotz mancher Irritation einigen Kurzweil bietet, einer Frau, die Literatur als willkommene Ablenkung und Anregung versteht, die aber nichts von wie auch immer gearteten Betthupferln lesen will, und seien diese so heterosexuell wie Kasper und Gretel?
Die Literaturwelt mag den Atem anhaltend warten auf den großen Roman des dritten Jahrtausends.
Aber er wird meiner Mutter wohl kaum gefallen.
Welches Buch, welcher Autor kommt heutzutage ohne genüsslich ausgezierte Bettszene aus?
Wenn das Bett überhaupt noch eine Rolle spielt, der Gelegenheiten sind viele, der Absichten und Geneigtheiten nicht minder.
Das Thema, dem es gelang, das Interesse des Literarischen Quartetts zu wecken, das die Feuilletons beflügelt, die Bestsellerlisten beschäftigt: Mama mag es nicht.
Und ich stehe da. Mit leeren Händen.
Bildbände über Orte, an die sie nie kommen wird, Künstler, deren Ausstellungen in unserer Gegend nicht gezeigt werden?
Das wäre herzlos, weiß ich doch, wie gerne sie reiste.
Gäbe es keine Kinderliteratur, hätte ich kaum noch eine Chance, eine Erzählung zu finden, die ihr gefallen könnte.
Aber es wird nicht mehr lange dauern.
Die Akzeleration sorgt von Dekade zu Dekade früher für pubertäre Interessen und entsprechende Themen bei den Schreibenden.
Was schenke ich Mama? Ich würde ihr gerne die ganze Welt schenken.
Aber die hat anscheinend nur noch Sex im Kopf. Wie auch ich. Was schenke ich Mama? Mama mag keinen Sex.
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